CD Rezension – „BEYOND“ // Senary System

Köln- Im Dezember 2011 erschien das erste Album der jungen, sechsköpfigen Jazzformation “Senary System”, (lat: senarius = je sechs enthaltend).

“Beyond” erstaunt mit einer vielschichtigen Klangwirkung und zeigt in virtuos-begeisternder Spielweise kreativen Jazz auf der Höhe der Zeit. Ausschließlich werden Eigenkompositionen der Musiker Johannes Maas (electric + acoustic guitar) und Nikolas Schriefer (piano + keyboards) vorgestellt. Weitere Mitglieder der Formation sind die Sängerin Filippa Gojo, Saxophonist Pascal Bartoszak, Bassist Martin Burk und Schlagzeuger Matthias Knorr.

Sieht man sich die Biografie der einzelnen Musiker an (s. Homepage) verwundert die große Professionalität weniger: Alle Musiker schöpfen aus einer umfassenden, musikalischen Ausbildung an Musikhochschulen, spielten oder sind Mitglieder im JugendJazzOrchester NRW und hatten tatsächlich bereits Konzerte rund um den Globus.

Song 1 / Leise und sphärisch – wie aus einem fernen Land – hört man beim ersten Titel “If Only” zunächst Keyboard- und Pianoklänge. Die Lautstärke breitet sich aus, bevor die eigentliche Komposition mit Gitarre, Stimme und später einsetzendem Saxophon beginnt. Im Zusammenklang der verfremdeten, später scharf klingenden Stimme der Sängerin Filippa Gojo und dem Fender-Rhodes Sound, steigert sich die Musik dynamisch-tranceartig zu einem Soundinferno, wechselt später wieder zum versonnen- lyrischen Piano um dann abermals mit einer sich heftig überlagernden Klangcollage zu funkeln und zu schillern. Eine ruhige Gitarrenpassage scheint “If Only” ausklingen zu lassen – aber der Titel bäumt sich am Ende nochmals im Spiel der gesamten Formation wie ein Schrei auf. Das innovative Stück geht über 10:26 und wirkt wie eine Jazz-Suite in mehreren Sätzen.

Song 2 / Klänge von Percussions, Drums und Gitarre leiten wie ein unregelmäßig tropfender Wasserhahn die zweite, melodiöse Komposition “Vorgefühl” ein. Die harmonisch schwingende Gitarre spielt dann das Thema. Der Sound wird zunehmend dichter und ein großartiges Saxophonsolo windet sich exzessiv in immer schrägeren, jazzigen Tönen, voller Verve. Pascal Bartoszaks Spiel ist von hoch musikalischer, improvisatorischer Substanz – ohne experimentierwütig zu sein.

Song 3 / Das ruhige “Beyond The Picture Frame” tönt zu Beginn kammermusikalisch und erfreut durch die kristallklare, modulationsreiche Stimme von Filippa Gojo. Eine Stimme, die weich und auch hart klingen kann, die mühelos und intonationssicher höchste Höhen schafft und von großer Schönheit ist. Man soll nicht vergleichen, aber ich fragte mich, wieso ich an die inzwischen sehr und zu recht berühmte koreanische Jazzsängerin Youn Sun Nah dachte, als ich diesen Song und Filippas Stimme hörte. Auch in diesem Song gibt es wieder ein wunderbar leichtes und spielerisches Saxophonsolo und zart hingetupfte bis impulsive Gitarrenklänge von Johannes Maas. Mit einem feinen Schlagzeugsolo und mehr rhythmischem Gesang endet “Beyond The Picture Frame”. Dieser Titel ist übrigens der einzige, in dem Lyrics gesungen werden.

Song 4 / Auch das folgende “Yellow” beginnt mit Filippas Vocalismen, die duettartig mit dem Saxophon kontrastieren, harmonieren, verschmelzen – und sich über weite Strecken des neunminütigen Titels ziehen. Nikolas Schriefer verzaubert später in seiner Komposition mit wunderschönem virtuosem Klavierspiel, in welches sich am Ende wieder Gesang integriert. “Yellow” ist das ruhigste Stück auf dieser CD.

Song 5 / Im Uptempo geht es bei „Last Of The Least“ stürmisch mit Schlagzeug und Saxophon weiter. Filippas schneller Scatgesang mischt sich unter und wird abgelöst vom swingenden Drive der Gitarre. Nach plötzlichem Abruch erklingen in wechselnder musikalischer Begleitung Vokalismen der Sängerin in allen Tonhöhen: glaskar, ätherisch, jazzig und weltmusikalisch zugleich. Man assoziiert exotische Welten und fühlt sich vereinzelt erinnert an eine „zeitgenössische“ Yma Sumac. Ein fulminantes Saxophonsolo schleicht sich ein und bietet im Zusammenspiel mit dem Drummer Matthias Knorr jede Menge Funk und Groove. „Last Of The Least“ ist ein Titel voll spannungsreicher Kontraste – die ein typisches Indiz der „Senary System“Formation sind.

Song 6 / Im Adagio erstrahlt Nikolas Schriefers Pianospiel bei „With Desperate Courgage“ in „jarrettscher“ Schönheit. Weiche, sängerische Vokale integrieren sich, dem markant gesetzte Basstöne von Martin Burk folgen. Ein melodiös gespieltes Saxophon beendet die ruhige Phase des Stücks um einer vom Schlagzeug dominierten sich mehr und mehr intensivierenden Klangdichte auf langgezogener Tonebene bis hin zum Fortissimo Raum zu geben. Der dramatische Höhepunkt ebbt ab – der Song blendet sich aus mit wenigen ruhigen Noten der Sängerin Filippa Gojo. Gerade bei dieser Komposition wird deutlich, wie klangschön und inspirativ er von allen sechs Musikern dieser Formation interpretiert wurde.

Die Musik von Senary System zeichnet sich durch hohe Homogenität aus. Alle Musiker spielen in Gleichwertigkeit – aber jeder Einzelne mit seiner ihm eigenen Souveränität und Improvisierfreude. Auch die Stimme der Sängerin ist gleichrangig eingebunden, eben weil sie wie ein Instrument neben den anderen Instrumenten empfunden wird. Die Musik hat fast nie gleichbleibende Tempi innerhalb eines Stücks. Sie ist in einem stetigen, kreativem Wandel von ruhig zu laut, von Schönklang zu schrillen Klangkaskaden oder asymmetrischen Klangstrukturen. So ist dieses erste technisch zudem hervorragend aufgenommene Album BEYOND absolut gelungen: innovativ und begeisternd. Es beinhaltet alles, was das Jazzherz begehrt.

Werner Matrisch, Köln 1. März 2012

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